Leben und Werk von Nikolaus Reinartz,
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Ein Truppenlager südlich Zülpich ?
von Paul Hub. Pesch

Zum Stadtbezirk Zülpich gehören seit 1922 die Orte Hoven und Floren, welche bis dahin nicht nur einer anderen Gemeindeverwaltung unterstanden, sondern auch vordem einer anderen Herrschaft. Dies scheint eine zwischenzeitliche Trennung gewesen zu sein, nachdem Tolbiacum vor 1700 Jahren durch die Bebauung seiner Ausfallstraßen eine bedeutend größere Ausdehnung erhielt, als wie wir sie heute vor uns sehen.

Neben den Bodenfunden gibt uns ein Reisebuch der ersten nachchristlichen Jahrhunderte Aufschluß über die Größe und Lage des damaligen Zülpich. Es ist das Antoninische Itinerar, eine Art Kursbuch für die römische Besatzungstruppe, in welchem, wie in unseren Bahn-Fahrplänen, Stationen und ihre Entfernungen von einander aufgezeichnet sind. Da es für Marschkolonnen aufgestellt ist, sind die darin genannten Örtlichkeiten Rastorte. Die Entfernungen sind in römischen oder keltisch-gallischen Maßen angegeben. Das Reisebuch, in dem Zülpich als „Tolbiacum, vicus Supenorum“ gelesen wird, entstand durch Neubearbeitung eines älteren um das Jahr 300 n. Chr. Für die Entfernung Köln–Zülpich sind dort XVI keltische Leugen angegeben. Die Leuge ist mit 2220 m festgelegt, sodaß also die Entfernung Köln–Zülpich = Colonia Agrippina–Tolbiacum 35,520 km betrug.

Prof. Dr. Reiner Müller, der die Angaben der römischen Itinerare über die Heerstraße Köln–Eifel–Reims an Ort und Stelle selbst überprüfte, weist auf den bei Tolbiacum außergewöhnlichen Zusatz: „vicus Supenorum“ (oder Sopenorum, nicht eindeutig!) hin und kommt zu dem Schluß, daß im Itinerar damit auf eine andere Örtlichkeit hingewiesen wird, die außerhalb des hochgelegenen Kastells lag. Er stützt sich hierbei auf die bei den Römern allgemein übliche Gepflogenheit, die Truppenrastorte dort anzulegen, wo hinreichend Bachwasser und Weiden vorhanden waren. Er nimmt deshalb Hoven - Floren als Vicus Supenorum, und zwar als Vorort und Ortsteil von Tolbiacum, an (S. Reiner Müllers Untersuchungen über die röm. Heerstraße Köln–Eifel–Reims, erschienen als Sonderdruck 1933 im Selbstverlag des Gymnasiums Münstereifel!)

Es scheint möglich, mit Hilfe der Angabe im röm. Reisebuch die Oertlichkeit ziemlich genau zu bestimmen, wenn wir den Verlauf der Römerstraße berücksichtigen. Als Ausgang wird von Reiner Müller die Ost-Ecke des Neumarktes in Köln angenommen, weil hier die Straßen nach Jülich und Trier zusammentreffen. Von dort aus verläuft unsere Straße in gerader Linie nach Zülpich. Den Unterschied zwischen der Umweglänge ab Liblar-Frauenthal über Lechenich, Erp, Weiler (Marienholz) und der geraden Strecke Liblar - N-O-Ecke Marienholz (s. ö. Weiler) bringen wir mit 1,4 km in Abzug von unserer heutigen Prov.-Straßenlänge. Ferner ist der Umweg in Zülpich-Stadt über das Münstertor nach Hoven auszuschalten, da die Römerstraße vom Zülpicher Kölntor als genau auf die Zülpicher Burg ausgerichtet erkannt ist und vom Westtor der Burg (mit Spur der Fallbrücke über den Wallgraben!) in gleicher Richtung über Haus Spitz nach Hoven verläuft.

Auch dieser Teil der Römerstraße hatte im IV. Jahrhundert bis zum Südende von Ort und Kloster Hoven, wie Bodenfunde bezeugen, eine geschlossene Bebauung. – Wenn wir der also bezeichneten und erkannten Spur das Maß des römischen Reisebuches anlegen, um den „vicus Supenorum“ zu erreichen, so kommen wir mit XVI Leugen oder 35,520 km an die heutige Wegegabelung südlich der Höhe 180,2 unseres Meßtischblattes, 550 m n-ö. von Merzenich und 550 m w. von Floren, rund 1 Leuge südl. vom Zülpicher Kölntor. An dieser Stelle wäre also der N-Punkt des Vicus Supenorum.

Es ist anzunehmen, daß sich der befestigte Straßenschnittpunkt auf der Höhe des heutigen Mühlenberges in Zülpich seit seiner Gründung der Ausfallstraße entlang auch nach Süden in drei Jahrhunderten fortgesetzt erweiterte und daß so der Rastplatz vicus-Supenorum als Vorort Anschluß an das Kastell bekam. Ferner gilt es als ziemlich sicher, daß die Römer außerhalb Tolbiacums bei der Erweiterung des Kastells die Straßen nach Trier und Reims im vorgeschobenen Vicus (Rastplatz) aus Gründen der geringeren Unterhaltungskosten zusammengelegt haben, sodaß ihre Gabelung weiter südlich hinausgeschoben wurde. Die beiden genannten Straßen teilten sich zuletzt erst weiter südlich, an der heute gut erkennbaren Gabelung s-ö. Höhe 186, n-w. Höhe 177,6, ssö. Merzenich und sw. Sinzenich, nicht weit von den südlich vorüberfließenden Bächen. Zwischen der nördlichen und südlichen Gabelung, sowie den Orten Floren, Merzenich und Sinzenich wird also das römische Truppenlager vicus Supenorum gewesen sein, eine Fläche von rund 2000 m Länge (etwa 1 Leuga) und 1000 m Breite (etwa ½ Leuga). Die drei an ihrem Rande gelegenen Dörfer Floren, Merzenich und Sinzenich hätten dann ihren Ursprung in gewerblichen Ansiedlungen (der Benefiziarier = ausgediente Soldaten), wie solche zu allen Zeiten am Rande von Truppenlagern entstanden. – Alte Wege, die von den drei genannten Dörfern zur Mitte des römischen Lagers führen, sind noch in Benutzung.

Vom Südende des Vicus-Supernorum führt eine Römerstraße, von der Gabelung aus sehr gut erkennbar, in Richtung Achemer Mühle–Berg–Düttling–Gemünd, – die andere in Richtung Irnich–Eicks–Weißenbrunnen–Marmagen. Vom Nordrand des Rastortes zielte die vereinigte[n] Römerstraße, wie Broix 1842 – also vor dem Neubau der heutigen Provinzialstraße – berichtet, genau auf das ehemalige Tor des Klosters Hoven zu, ein geistlicher Besitz, dessen Kern in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts vorhanden war. (Das dicht dabei stehende Hochkreuz an der heutigen Scheunenwand, vom Jahr 1832, erinnert noch daran.)

Paul Hub. Pesch





Euskirchener Volksblatt, Nr. 269, 18.11.1950.


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